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Was nach der Wende geschah…

29 Mrz

Das Interview führten wir mit Christian O., ehemaliger Mitarbeiter (und Betriebsrat) im VEB Trikotagenfabrik.

Die eigene Zukunft hing in der Luft

„Ich saß ja nun auf zwei Böden. Auf der einen Seite war ich der in den Medien verhasste Betriebsdirektor, Bonze oder Funktionär – das war die allgemein öffentlich verbreitete Meinung. Auf der anderen Seite war ich mit meinem Bruder anspruchsberechtigt als Sohn des ehemaligen Komplementärs. So hatte ich die außerordentlich seltene Gelegenheit, wenn ich von der Treuhand aus dem Betrieb rausgeflogen wäre, konnte ich wenigstens durch die Hintertür herein kommen und sagen, dass ich anspruchsberechtigt bin – also ich hab auch Anspruch, den Betrieb zu übernehmen. Ich konnte also von zwei Seiten dort aktiv werden. Das entscheidende war nun, was Sinn macht und wie es weiter geht. Das die Fertigung nicht weiter ging, war abzusehen. Dann gab es dann in der Übergangsphase Kopfstände aller Art…

Die eigene Zukunft hing natürlich genauso in der Luft. Ich hab dann auch versucht, sämtliche Möglichkeiten auszuloten, ob es im Westen irgendeinen Betrieb gab, der sich eventuell mit beteiligen wollte, der praktisch die anderen Anteile übernehmen wollte. Die Auskunft war jedoch null. Gibt es irgendjemanden, der an der Immobilie Interesse hat. Es gab viele kühne Gedanken. Am Ende habe ich dann mit westdeutschen Partnern zusammen ein Projekt angefangen, bei dem wir mächtig auf die Nase geflogen sind – das wäre fast total schief gegangen. Sechs Partner sind insgesamt gescheitert und heute sitzt der siebente daran – das ist also bis heute ein ungelöstes Problem. Mein Problem ist das aber nicht mehr, da ich da mit einem blauen Auge raus bin.“

Euphorie nach der Wende

Entwicklung Leipziger Westen

„Die Industrie war schlagartig weg. Die ganze Entwicklungskapazität ist auf null gefahren. Die Leute sind auf die Straße gesetzt worden oder sind in den Westen gegangen. Da ist furchtbar viel platt gemacht worden, was nicht notwendig war. Dadurch, dass ziemlich viele Flächen industriell genutzt worden, war das wohnungsmäßig einer der absoluten Schwachpunkte in Leipzig. Über Schleußig und Plagwitz kommt jetzt aber wieder eine gewisse Attraktivität rein. Es gab auch einige alte Objekte in Plagwitz, die jetzt wieder aufgebaut oder saniert worden sind. Aber es gibt auch mindestens genauso viel in Plagwitz, was abgerissen wurde und nie wieder aufgebaut worden ist. Das wird vielleicht noch 10 bis 15 Jahre dauern, wenn das dann so anhält und nicht jemand auf die Idee kommt, alles auf die grünen Wiesen zu setzen, sondern wir brauchen ein paar intelligente Plätze in Leipzig, dann kann der Westen wieder gewinnen.“

(ma)

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Feierabend!

29 Mrz

Das Interview führten wir mit Christian O., ehemaliger Mitarbeiter (und Betriebsrat) im VEB Trikotagenfabrik.

Die Zeit um 1989/90

„Das war eigentlich die schlimmste Zeit, die vorstellbar und denkbar war. Erst mal war alles total in Auflösung, sämtliche Strukturen waren weg. Es gab überall nur noch Hektik und Nervosität. Wenn man dann alles mit einer gewissen Nüchternheit betrachtete, war abzusehen, dass die ganze Branche schlagartig keine Zukunft mehr hatte. Ich habe damals über das Kombinat Kontakt mit der industriellen Handelskammer in Reutlingen aufgenommen. Von dort habe ich Leute direkt nach Leipzig bestellt und mit denen gesprochen und die haben ziemlich klar gesagt, dass sie noch die Musterentwicklung, Betriebssteuerung und Produktionskontrolle machen, aber ansonsten wird die Fertigung auf Griechenland und Portugal verschoben.

Feierabend!!!

Die Banken haben unisono gesagt, dass es keinen Textilindustriekredit gibt, da die Chancen gen Null gehen und der Textilindustrie würde kein Kredit gegeben werden. Maximal würde der Grundstückswert beliehen aber mehr nicht. Das war eigentlich der Rahmen, der absehbar war.  Es gab dann noch viele, die versucht haben, einen Partner im Westen zu finden und das ist fast ausnahmslos ohne Ergebnis verlaufen. Das einzige, was noch eine gewisse Zeit lief, war „Schiesser“, der drüben doch noch einen relativ großen Namen hatte. Der ist dann aber auch mal kurz Pleite gegangen. Der hatte dann schon zur DDR-Zeit Bestattungsproduktion durchgeführt. Dort wurden dann Produkte gefertigt, die zum Teil in den Westen verkauft wurden um die Lizenzgebühren zu bezahlen. Die praktisch eine komplette Fertigungslinie nach ihren Richtlinien. Der Betrieb, der das damals gemacht hatte, „Trikotex Wittgensdorf“ wurde übernommen. Genau drei Jahre ging der Vertrag mit der Treuhand und danach ging die Produktion nach Tschechien und der Betrieb dort wurde dicht gemacht. Der „Schiesser“-Betrieb in Wittgensdorf war das längste, was sich gehalten hat. Alles andere ist innerhalb der drei Jahre den Bach runter gegangen.“

Treuhand

(ma)

Einfluss der Politik auf den Betrieb

29 Mrz

Das Interview führten wir mit Christian O., ehemaliger Mitarbeiter (und Betriebsrat) im VEB Trikotagenfabrik.

„Das ist immer phasenweise ziemlich unterschiedlich. Das muss in den 50er Jahren schon mal drastisch gewesen sein, wo die ziemlich brutalen stalinistischen Funktionäre Druck auf Privatbetriebe ausgeübt haben und dann viele abgehauen sind. Bei uns war es – ich war von 1979 – 1985 parteiloser Betriebsrat, das war schon ein ziemlich Exot, so etwas gab es kaum noch  – da war der Einfluss immer da. Ich wusste genau, wo die SED-Leitung  sitzt – wer wo sitzt. Das kommt verdammt drauf an, wer da an welchen Schalthebeln sitzt, wie der sich gibt, wie der sich darstellt, wie man mit dem auskommt. 1985 wurde es nochmal ziemlich problematisch. Da kam plötzlich der FDGB – Kreisvorstand, die Kreisleitung, also einer vom Kombinat auf die Idee, den politischen Einfluss auf diesen Betrieb müssen wir drastisch erhöhen, weil der fast bei null lag. Wir hatten eine Parteigruppe von 3-4 Mann, das war nicht gerade viel (lacht).  Dann haben sie den Beschluss gefasst – das habe ich aber zum Glück noch rechtzeitig mitgekriegt-, dass eine Kaderleiterin den Betrieb delegieren muss, die zugleich Parteisekretärin war und das Parteileben zu organisieren hatte. Das war eine verflixt schwierige Situation geworden. Dadurch, dass ich das durch einen anderen Kollegen, wo sie zuerst gearbeitet hat, mitbekam, bin ich in die SED eingetreten. Das war ja auch zu dem Zeitpunkt, wo Gorbatschow kam, wo die merken, sie geraten unter Druck. Das haben die ziemlich deutlich gemerkt und sich zur Wehr gesetzt. Die (Kaderleiterin) bin ich dann recht zeitig vor der Wende wieder losgeworden durch eine – wie soll man sagen – ziemlich trickreiche Arbeit.  Aber das war nochmal eine ganz schwierige Phase, da kam´s auch wieder drauf an, wie war die angeseilt. Also, die war Stalins Enkelin hoch fünf, in ihrer ganzen Ausdrucksweise, in ihrer ganzen Gestaltungsweise. Alles andere als furchtbar schön. Aber zu dem Zeitpunkt war das der erste Sekretär in der SED Stadtbezirksleitung, mit dem man reden konnte, zudem sie nun keinen guten Kontakt hatte. Sowas musste man dann irgendwie versuchen rauszukriegen. Man musste damit leben, dass die die Machtposition haben, und dass die am längeren Hebel sitzen, musste man einkalkulieren.“

Enteignung 1972

„Damals wurden die Komplementäre gezwungen, freiwillig ihre Anteile abzugeben und die Betriebe sollten volkseigen werden. Da gab es dann Arbeitsgruppen unter der SED-Kreisleitung, die bunt zusammengewürfelt waren aus unterschiedlichen Personen. Die wurden dann in die Betriebe geschickt und mussten erst einmal die Komplementäre überzeugen bzw. überrumpeln, ihre Anteile zu verkaufen. Dann mussten erst einmal neue Leitungen gegründet werden. Das waren damals noch Komplementäre oder deren Nachwuchs. Wenn sie damals irgendwelche Konflikte hatten, haben sie alle rausgeschmissen und ihre eigenen Leute eingesetzt – das ging sehr unterschiedlich von statten. Nach 1990 als dann die nächste Wende kam, da war ich im Stadtbezirk Leipzig West und da waren es nur noch zwei, die aus der Urzeit übernommen wurden. Im Kombinat, wo der ganze Zweig vereinigt war, war es das gleiche. Da gab es am Anfang 174 Betriebe und nach der Zusammenlegung waren wir nur noch 77 und da gab es dann auch nur noch zwei Betriebsdirektoren, die von 1972 noch übrig waren.“

(ma)

Struktur der Fabrik

29 Mrz

Das Interview führten wir mit Christian O., ehemaliger Mitarbeiter (und Betriebsrat) im VEB Trikotagenfabrik.

„Also zu dem Zeitpunkt und bis in die 80er, Ende der 70er Jahre gab es nur den einen Betrieb in Leipzig, der sich schon die ganze Zeit  entwickelt hatte. Wir waren also eine gewisse Insel. Die Branche war rund um Chemnitz konzentriert. Wir waren da in Leipzig ein bisschen die Außenseiter und hatten demzufolge auch von der Struktur her ein bisschen was anders gemacht. Wir hatten alle Stufen: Wir haben das Garn übernommen, logischer Weise vorwiegend von der Baumwollspinnerei, die um die Ecke war. Wir haben dann die Arbeitsgänge Spulen, Stricken, Färben, Bleichen und Konfektionieren, also alle Stufen der Stoffherstellung und der Konfektionierung unter einem Dach gehabt. Ein Betriebsteil dazu kam dann nach der Umwandlung, also nach der Verstaatlichung. Dann habe ich noch einen Betriebsteil in Roßwein und einen in Leipzig dazu gekriegt. Dann kamen noch ein paar dazu die ursprünglich private Betriebe mit staatlicher Beteiligung waren, zum Teil mit Sortimenten, die wir umstellen mussten. Aber weit bis nach 1972, seit 1872 war es ein Block, der mehrstufig war und sich dort in Leipzig stabilisiert und entwickelt hat. „

Arbeitsschritte einer solchen Fabrik

„Also der erste Einstieg ist, dass das Garn (meistens Baumwollgarn) von der Spinnerei kommt. Wir haben das dann erst mal umgespult und auf große Konen, also große Spulkörper, dann auf große Spulmaschinen gestellt und die großen Konen daraus entwickelt, die auf die Großgrundstrickmaschinen gestellt und daraus Stricke entwickelt (Stricken lassen). Der fertige Stoff wurde dann veredelt, also entweder gebleicht oder gefärbt. Das war der Arbeitsgang, der im Chemnitzer Raum grundsätzlich woanders ausgelagert wurde. Wenn der Stoff dann fertig war, also farbig oder weiß war, ist er dann zugeschnitten und genäht worden. Die Fertigerzeugnisse wurden dann verpackt und verschickt. Das war‘s!“

Fast nur Binnenhandel

„Also wir haben fast nur den Binnenhandel der DDR beliefert. Nur wenn es nicht anders ging, sind wir in den Export für die sozialistischen Länder  mit rein gegangen. Aber der DDR-Markt war eigentlich immer so, dass dort der Bedarf nie richtig gedeckt werden konnte, so dass das für uns voll und ganz ausgereicht hat. „

Planung war das „A und O“

„Planung war das „A und O“, ob die nun funktioniert hatte oder nicht, darüber kann man sehr verschiedener Meinung sein. Ob der Betrieb privat oder mit staatlicher Beteiligung oder volkseigen war, spielte keine Rolle. Es gab immer irgendjemanden, der oben drüber saß und der Pläne ausgegeben hat. Dann ging das große Handeln los – „nehmen wir den Plan so an oder kann man irgendwas daran ändern“ – und dann musste der Plan mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln erfüllt oder geändert werden. Irgendeiner war immer über dem Betrieb – das war eisernes Gesetz. Erst war es der Wirtschaftsrat des Bezirkes Leipzig, dann war es die Kombinatsleitung, also immer war jemand, der praktisch den Industriezweig oder die Betriebe mit Planvorgaben gesteuert hat. Es gab zwar viele Schwankungen aber die Struktur war da.“

(ma)

Von Frauen und Aktivisten

29 Mrz

Das Interview führten wir mit Christian O., ehemaliger Mitarbeiter (und Betriebsrat) im VEB Trikotagenfabrik.

Aktivisten im Betrieb

Frauenquote

(ma)

Jeder kannte jeden

29 Mrz

Das Interview führten wir mit Christian O., ehemaliger Mitarbeiter (und Betriebsrat) im VEB Trikotagenfabrik.

„Es war ein relativ kleiner Betrieb – also jeder kannte jeden – jeder wusste alles von dem anderen. Damit musste man dann auch in der Leitung umgehen. Es herrschte eigentlich eine ziemlich weitgehende Offenheit – da wurde eigentlich auch großen Wert drauf gelegt. Wenn man heute mit Leuten redet, die damals gearbeitet haben, schwärmen die davon, wie schön es damals war. Obwohl es damals auch nicht konfliktfrei war. Irgendwelche Probleme oder Reibungspunkte gab es immer mal. Ansonsten war das Betriebsklima durchaus ordentlich. Auch nach der Arbeitszeit haben die Truppen ihre eigenen Veranstaltungen gemacht. Es war nicht so wie heute, dass jeder dem anderen sein Teufel war.“

(ma)

Die Anfangsjahre im Betrieb

29 Mrz

Das Interview führten wir mit Christian O., ehemaliger Mitarbeiter (und Betriebsrat) im VEB Trikotagenfabrik.

Wie sind Sie zu diesem Betrieb gekommen?

„Der Betrieb war 1897 gegründet, mein Großvater war dort  – das war eine Aktiengesellschaft bis 1953 – Vorstand, mein Vater war´s dann auch bis 1953. Dann wurde es ein Betrieb in staatlicher Beteiligung und mein Vater war dann Komplementär, demzufolge bot sich dann relativ logisch an, dass ich dann auch irgendwann im Betrieb mit einsteige und dass war dann konkret 1967. Vorneweg hatte ich das Abitur gemacht, dann noch eine Berufsausbildung als Industriekaufman. Dann gab´s zu diesen Zeitpunkt das letzte Matrikel – das gab´s dann nie wieder – Sonderstudium für Leiter von Betrieben mit staatlicher Beteiligung bei der Leipziger Universität, wo man dann Ökonomie studieren konnte oder sollte, das habe ich dann praktisch parallel dazu gemacht. 1967 bin ich in den Betrieb und dort so lange geblieben bis sich alle Umwandlungen dann im Laufe der Zeit weiter vollzogen haben. „

Der Vater war Chef

„Das war erstmal nicht so furchtbar einfach, wenn man als Sohn vom Chef kommt. Dann so eine ganze Galerie alter Herren, die dort als Prokuristen oder Meister oder ähnliches tätig waren, die dann praktisch so einen jungen Spund mit übernehmen mussten. Sich dort einzufühlen und einzufügen und dann auch mal ein paar Veränderungen langsam und systematisch anzubringen, das war nicht so furchtbar einfach. Aber es bot sich ja irgendwie an. Die leitenden vier Prokuristen – also mein Vater und drei Prokuristen, die waren alle so einen Schritt über sechzig, so dass der Zeitpunkt kommen musste, es muss sich was ändern. Aber das waren natürlich alles ziemlich eingefahrene Gleise. Und Leute die praktisch so dreißig, vierzig Jahre in den Betrieb waren, das war nicht ganz einfach, aber mit einem gewissen Einfühlungsvermögen musste das über die Bühne gehen.“

(ma)