Einfluss der Politik auf den Betrieb

29 Mrz

Das Interview führten wir mit Christian O., ehemaliger Mitarbeiter (und Betriebsrat) im VEB Trikotagenfabrik.

„Das ist immer phasenweise ziemlich unterschiedlich. Das muss in den 50er Jahren schon mal drastisch gewesen sein, wo die ziemlich brutalen stalinistischen Funktionäre Druck auf Privatbetriebe ausgeübt haben und dann viele abgehauen sind. Bei uns war es – ich war von 1979 – 1985 parteiloser Betriebsrat, das war schon ein ziemlich Exot, so etwas gab es kaum noch  – da war der Einfluss immer da. Ich wusste genau, wo die SED-Leitung  sitzt – wer wo sitzt. Das kommt verdammt drauf an, wer da an welchen Schalthebeln sitzt, wie der sich gibt, wie der sich darstellt, wie man mit dem auskommt. 1985 wurde es nochmal ziemlich problematisch. Da kam plötzlich der FDGB – Kreisvorstand, die Kreisleitung, also einer vom Kombinat auf die Idee, den politischen Einfluss auf diesen Betrieb müssen wir drastisch erhöhen, weil der fast bei null lag. Wir hatten eine Parteigruppe von 3-4 Mann, das war nicht gerade viel (lacht).  Dann haben sie den Beschluss gefasst – das habe ich aber zum Glück noch rechtzeitig mitgekriegt-, dass eine Kaderleiterin den Betrieb delegieren muss, die zugleich Parteisekretärin war und das Parteileben zu organisieren hatte. Das war eine verflixt schwierige Situation geworden. Dadurch, dass ich das durch einen anderen Kollegen, wo sie zuerst gearbeitet hat, mitbekam, bin ich in die SED eingetreten. Das war ja auch zu dem Zeitpunkt, wo Gorbatschow kam, wo die merken, sie geraten unter Druck. Das haben die ziemlich deutlich gemerkt und sich zur Wehr gesetzt. Die (Kaderleiterin) bin ich dann recht zeitig vor der Wende wieder losgeworden durch eine – wie soll man sagen – ziemlich trickreiche Arbeit.  Aber das war nochmal eine ganz schwierige Phase, da kam´s auch wieder drauf an, wie war die angeseilt. Also, die war Stalins Enkelin hoch fünf, in ihrer ganzen Ausdrucksweise, in ihrer ganzen Gestaltungsweise. Alles andere als furchtbar schön. Aber zu dem Zeitpunkt war das der erste Sekretär in der SED Stadtbezirksleitung, mit dem man reden konnte, zudem sie nun keinen guten Kontakt hatte. Sowas musste man dann irgendwie versuchen rauszukriegen. Man musste damit leben, dass die die Machtposition haben, und dass die am längeren Hebel sitzen, musste man einkalkulieren.“

Enteignung 1972

„Damals wurden die Komplementäre gezwungen, freiwillig ihre Anteile abzugeben und die Betriebe sollten volkseigen werden. Da gab es dann Arbeitsgruppen unter der SED-Kreisleitung, die bunt zusammengewürfelt waren aus unterschiedlichen Personen. Die wurden dann in die Betriebe geschickt und mussten erst einmal die Komplementäre überzeugen bzw. überrumpeln, ihre Anteile zu verkaufen. Dann mussten erst einmal neue Leitungen gegründet werden. Das waren damals noch Komplementäre oder deren Nachwuchs. Wenn sie damals irgendwelche Konflikte hatten, haben sie alle rausgeschmissen und ihre eigenen Leute eingesetzt – das ging sehr unterschiedlich von statten. Nach 1990 als dann die nächste Wende kam, da war ich im Stadtbezirk Leipzig West und da waren es nur noch zwei, die aus der Urzeit übernommen wurden. Im Kombinat, wo der ganze Zweig vereinigt war, war es das gleiche. Da gab es am Anfang 174 Betriebe und nach der Zusammenlegung waren wir nur noch 77 und da gab es dann auch nur noch zwei Betriebsdirektoren, die von 1972 noch übrig waren.“

(ma)

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