Der Betrieb zur Zeit der Wende

29 Mrz

Das Interview führten wir mit Gudrun L., ehemalige Mitarbeiterin im VEB Ingenieurbau Leipzig.

Montagsdemonstrationen durch Kollegen mitbekommen

„Ich habe das immer nur durch einen Kollegen mitbekommen. Ich hab das nie richtig mitbekommen. Das wurde eigentlich auch nie so großartig erzählt. Das wurde dann halt immer mehr. Die eine oder andere Kollegin sagte „ich war gestern wieder auf der Demo“ – das hab ich mir angehört, aber ich hab mir da keine großen Gedanken gemacht. Das ist ein bisschen an mir vorbei gegangen. Ich hab das nicht so mitgekriegt, dass es das überhaupt gab. Wenn ich mir heute das im Fernsehen angucke, dachte ich, das gab es ja schon eine ganze Weile. Die Demos waren ja eine richtig lange Phase und das hab ich so nicht mitgekriegt. Zu Hause haben wir da auch nicht drüber gesprochen. Also ich hab das nur durch die Kollegen mitbekommen, weil die Eine muss das wohl regelmäßig gemacht haben und wir haben immer zusammen die Pausen gemacht. Ich hab mir das zwar angehört aber mir nie Gedanken drüber gemacht, dass das so eine gefährliche Sache war.“

Und dann haben sie uns erst mal das Arbeiten beigebracht, weil die Ostdeutschen ja nicht arbeiten können.

„Ich war ja damals noch 20, da bekommt man ja nicht alles so mit. Ich hatte mit vielen Kollegen einen ganz guten Draht, die haben sich dann mit mir immer mal unterhalten. Es war ja damals nicht so viel Zeitdruck da gewesen. Man konnte schon mal ein Schwätzchen machen. Und da gab es dann auch mal Kollegen – gerade die Chefs – die wussten ja eher, was passiert. Die haben ja dann auch schon, nehme ich jetzt mal an, von verschiedenen Seiten Sachen wegen Verkaufen oder Übernahme gehört. Und da wurden dann die guten Kollegen, von deren Sicht aus, schon aussortiert für das neue Projekt. Das hat man dann so mitbekommen. Man konnte ja nichts dazu sagen. Wenn ich ja nicht gefragt werde, kann ich ja nicht sagen, dass ich da auch mit will. Im Nachhinein bin aber froh, dass sie mich nicht gefragt haben, weil diese neue Firma sich nicht so gut gehalten hat. Nach und nach haben sich da welche abgeseilt und mit irgendwelchen scheinheiligen Begründungen wurden die dann ausgesondert. Dann gab es dann auch wirklich schon die ersten Entlassungsfälle. Das waren meistens auch die Kollegen, die vom Alter her schon kurz vor der Rente standen. Da gab es dann verschiedene Lücken, mit denen sie versucht haben den Leuten den Abgang leichter zu machen – also finanziell. Da gab es dann noch Abfindung und so. Und die Kollegen, die nicht so lange da waren, die hat man dann auch zuerst entlassen. Dann fing das eigentlich so an, dass sich die ersten westdeutschen Unternehmer bzw. Geschäftsführer vorgestellt haben. Wir gehörten dann zu „Wayss und Freytag“ und da gab es dann auch Berlin, Düsseldorf, Hamburg, München und jeder wollte das besser machen. Die gehörten zwar zusammen und es ging aber dann um die Frage, zu wem gehören wir. Wer übernimmt uns. Und dann haben sie uns, wie sagt man so schön,  erst mal das Arbeiten beigebracht, weil die Ostdeutschen ja nicht arbeiten können. Also da wussten die Berliner besser als die Düsseldorfer, wie wir was zu machen haben oder technisch alles umzustellen – das war schon nervig!“

Den kleinen Mitarbeitern haben sie auf die Finger geschaut.

Meinungsäußerung war nicht erwünscht

(ma)

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